F. Schubert "Messe in Es-Dur"

Immerhin ist es Franz Schubert, anders als zum Beispiel Wolfgang Amadeus Mozart, vergönnt gewesen, sein letztes großes oratorisches Werk zu Ende zu komponieren – und zu was für einem Ende! Ein langsames und herzzerreißendes Kreuzmotiv als Fugatothema wird gekoppelt an einen charakteristischen Kontrapunkt aus einer aufsteigenden Quart und einem aufsteigenden Tritonus, dem Teufel in der Musik. Dieses musikalische Material ermöglicht und erzwingt kühnste harmonische Wendungen und Klänge, die in ihrer Modernität bis weit in das 20. Jahrhundert hinein ragen. Spätestens mit diesem Agnus Dei erreicht Schubert den ein Jahr vor ihm verstorbenen Beethoven.

Kommt das Kanonthema des Agnus nicht bekannt vor? Es ist bekannt, denn Schubert verwendet es in dem Lied „Der Doppelgänger“ als ostinates Motiv der Klavierbegleitung. „Der Doppelgänger“ erscheint posthum in der Zusammenstellung „Schwanengesang“, in dem Schuberts letzte Lieder aus Marketinggründen zusammengefasst unter einem Titel veröffentlicht werden, obwohl er kein eigentlicher Zyklus von Liedern ist, die einen inneren Zusammenhang haben.

Wie hilft uns die aufgezeigte Verbindung der beiden Werke aus den letzten Lebenswochen Schuberts weiter, um quasi hinter die Kulissen des Komponisten schauen zu können? Franz Schubert war zwar erst dreißig Jahre alt, aber schon seit Jahren schwer krank. Äußerlich einsam war er wohl nicht, aber sein Leben durchzieht unerfüllte Liebe (um die es viele Spekulationen gibt) und auch eine Todessehnsucht, die in seinen Liedern immer wieder besungen wird. Auch „Der Doppelgänger“ handelt von diesen beiden biografischen Leitmotiven. Der Text des „Agnus Dei“ handelt seinerseits davon, dass ein Mensch leidet, sich hingibt als „Lamm Gottes“. Das Leiden und seine Ursache, also die Art des Leidens, wird durch das Kreuzmotiv bildlich gemacht: Christus stirbt am Kreuz: verkannt, verlacht, verlassen. So fühlt sich auch der Doppelgänger, und vielleicht hat sich Franz Schubert hiermit identifiziert – und sehr bald danach stirbt auch er, tragischerweise als seine Musik den Durchbruch erlebt.

Die Es-Dur Messe wird ein Jahr nach dem Tod des Komponisten unter Leitung seines Bruders mit großem Erfolg uraufgeführt. Dennoch dauert es noch geraume Zeit, bevor Robert Schumann das Manuskript der Messe bei Schuberts Bruder wiederentdeckt und eine Veröffentlichung dringend empfiehlt.

Es handelt sich um Schuberts 6. lateinische Messe. Vom Genre her zeitlich am nächsten steht ihr die 1826 entstandene populäre „Deutsche Messe“. Zwar ist diese musikalisch Lichtjahre von der Es-Dur Messe entfernt, aber auffällig ist, dass sie dieselbe Bläserbesetzung verwendet. In beiden Fällen verzichtet Schubert auf die Flöten und damit auf weiche hohe Töne im Bläsersatz. Das ist von Bedeutung, denn weite Teile der Es-Dur Messe werden ohne Streicher nur von den Bläsern begleitet, wenn nicht der Chor gar a cappella singt.

Viel ist geschrieben und spekuliert worden über die Änderungen und Auslassungen am liturgischen Messetext, die Schubert in der Es-Dur Messe vornimmt. Im Credo lässt er unter anderem den Glaubenssatz „Credo in unam sanctam catholicam ecclesiam“ (Ich glaube an die eine heilige katholische Kirche) weg und wiederholt dafür „et incarnatus est“ sowie „crucifixus“. Die Auslassung findet sich schon in der 5. Messe in As-Dur, so dass von einem Versehen, wie manche spekulieren, keine Rede sein kann. Hier zeigt Schubert meines Erachtens sehr deutlich, an was er nicht glauben kann und was ihm wichtig ist.

Die formale Anlage der Messe in Es wiederum ist sehr nah an der, die sich im Laufe der Jahre herausgebildet hat bei den großen Messvertonungen. Insbesondere komponiert Schubert – wie die meisten Tonsetzer vor und nach ihm - sowohl im Gloria als auch im Credo jeweils eine große Schlussfuge. Wenn ich zu Beginn auf die Fugenstruktur im Agnus eingegangen bin, so ist diese doch „nur“ die Quintessenz aus den beiden vorhergehenden gigantischen Fugen, die in ihrer formalen Klarheit und harmonischen Kühnheit alles von Schubert vorher komponierte weit hinter sich lassen. Schubert nimmt zum Ende seines Lebens Unterricht in Kontrapunkt bei Simon Sechter, der später auch Bruckner unterrichten sollte. Die hier von Schubert präsentierten Ergebnisse der Studien sind umwerfend und grandios. Nicht zuletzt nähert er sich dem größten Kontrapunktiker des deutschen Sprachraumes an. Und gibt - wie dieser - ein sehr persönliches Glaubensbekenntnis ab.

 

Christoph Schmidtpeter, Oktober 2012

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