IHR WERDET LACHEN!

Zu zwei Ostermusiken von J.S. Bach und Mozart:

 

Von Götterhumor geboren

Mozarts Messe in C-Dur (KV 317)

 

Mozart lacht. Wer Milo¨ Formans Film „Amadeus“ einmal gesehen hat, der wird das schrille, spitze Lachen seines Hauptdarstellers Tom Hulce nicht wieder vergessen. Aber Mozart lacht nicht nur in dieser populären, durch und durch fiktiven Verfilmung. Ein permanentes Hohnlachen durchzieht schon seine eigenen Briefe, die voller Wortwitz und Unflat sind. Auch dort, wo Mozart zur Figur der Weltliteratur stilisiert wird, ist er ein Lachender: „Da klang hinter mir ein Gelächter, ein helles und eiskaltes Gelächter, aus einem den Menschen unerhörten Jenseits von Gelittenhaben, von Götterhumor geboren.“ So beschreibt Hermann Hesse in seinem „Steppenwolf“ das bedrohliche Lachen des Komponisten: „Vor Lachen überschlug er sich in der Luft und schlug Triller mit den Beinen. (…) Nehmen Sie endlich Vernunft an! Sie sollen leben und Sie sollen das Lachen lernen.“

Einem Temperament wie Mozart hatte die volkstümliche Tradition des risus paschalis am Ostersonntag gewiss imponiert. Ein dezidierter Feind solcher Volkstraditionen war hingegen sein Salzburger Dienstherr, der Erzbischof und Landesfürst Hieronymus Colloredo. Der katholische Aufklärer lehnte Wallfahrten,Bittgänge, Kirchenkrippen, Wetterläuten, Passionsspiele, aber auch das Osterlachen ab und wollte den deutschen Kirchengesang einführen. Das seiner Vergnügungen beraubte Volk spottete entsprechend: „Unser Fürst von Colloredo / hat weder Gloria noch Credo.“

Auch für Mozarts musikalisches Schaffen in Salzburg zwischen 1779 und 1781 waren diese Verbote prägend. Denn Colloredo bestand im Rahmen seiner Gottesdienstreform auf der Version der Missa brevis und damit auf einer massiven Reduktion der kirchenmusikalischen Anteile in der Liturgie. Nachdem Mozart vergeblich versucht hatte, in Paris, Mannheim und München als Hofkapellmeister zu reüssieren, kehrte er zurück in seine Heimatstadt, um dort das Amt des Hof- und Domorganisten anzutreten. Im Rahmen dieser Stelle war er verpflichtet, im Auftrag und gemäß der Regeln seines Fürstbischofs zu komponieren. Dies geschah aber nicht ohne massive Proteste: „O, ich will dem Erzbischof gewis eine Nase drehen!“

Zur Osterzeit des Jahres 1779 entstand zum Einstand seine herausragende Missa in C (KV 317), der seit dem 19. Jahrhundert das Attribut „Krönungsmesse“ zugeschrieben wird. Die Niederschrift war am 23. März 1779 abgeschlossen, die Uraufführung fand vermutlich am Ostersonntag desselben Jahres im Salzburger Dom statt. Die erst später berühmt gewordene, womöglich anlässlich der Krönungsfeierlichkeiten für die österreichischen Kaiser Leopold II. oder Franz I. gespielte Messe ist ein trotziges Zeugnis von Mozarts Widerstand gegen die Zensur und ein grandioses Plädoyer für die bedrohte Kirchenmusik ihrer Zeit. Bereits im Alter von 14 Jahren war Mozart von Papst Clemens XIV. mit der Ernennung zum Ritter vom Goldenen Sporn ausgezeichnet worden. Seine Kenntnis im strengen Kirchenstil hatte er bei seiner Aufnahme in die altehrwürdige Accademia Filharmonica in Bologna unter Beweis stellen müssen. Nun aber galt es, in seiner Heimatstadt Salzburg selbst die alte Satzkunst durch ihre Erneuerung zu verteidigen. Und tatsächlich bestimmt die hier entstandene neue Form der Missa brevis et solemnis Mozarts Fortleben in der liturgischen Gemeindepraxis bis heute.

Schon die durchaus nicht kleine Besetzung der „Krönungsmesse“ mit zwei Violinen, Bassi, je zwei Oboen, Hörnern und Trompeten, Posaunen und Pauken ist der Salzburger Gottesdienstordnung abgetrotzt. Die streng geformte Architektur des Stücks überrascht durch weit gespannte Brückenbögen, wiederkehrende Rondo-Formen und Reprisen. Kontrapunktische Passagen im alten Stil wechseln ab mit opernhaften Melodien, stets begleitet von einer präzisen Auslegung des liturgischen Textes.

Der Anfang des Kyrie klingt, als werde hier eine Tür aufgestoßen. In alterierten Klangschritten durchschreitet das Orchester den Klangraum der Tonika. Die gewaltigen Kyrie-Rufe des Eingangschors gehen in melodisch fein geführte Dialog-Passagen von Tenor und Sopran über, wobei die Stimmen-Themen jeweils auch instrumental weitergesponnen werden. Im Christe eleison zeigt sich die meisterhafte Beschränkung: In nur zwei Takten realisiert Mozart diesen dritten, üblicherweise sehr ausgedehnten Kyrie-Teil als knappe Moll-Variation auf das vorangegangene liedhafte Duett. Im Gloria erweitert sich die Satzkunst zu einer symphonischen A-B-A-Struktur, die zwischen dem lichten Ruhm und dem verschatteten Miserere hin und her changiert. Das Quartett der Solisten steht dabei dem Chor gegenüber, der mit seinen imitatorisch-kontrapunktischen Verdichtungen die strahlendsten Effekte setzt. Eine Rondo-Form mit doppelter Reprise zeichnet das Credo aus. Wie genau die Ausdeutung des Texts gestaltet ist, zeigt sich bei der Fleischwerdung Jesu. Der dramatische Schwung hält plötzlich inne, Ruhe kehrt ein und harmonisch frei wird der Chor bei den Worten „Et in carnatus est“ in die Schwebe versetzt. Das Sanctus nimmt mit seinen punktierten Rhythmen zunächst den flehentlichen Charakter des Kyrie wieder auf, um sich dann dem heiteren Benedictus der Solisten zu überlassen. Melodischer Höhepunkt der Missa ist ohne Zweifel das dem Lamm Gottes gewidmete Sopran-Solo des Agnus Dei. Aber kennt man diese Melodie nicht anderswoher? Ja, es ist dieselbe Melodie, mit der die Gräfin in „Hochzeit des Figaro“ die vergangenen schönen Momente ihrer Ehe besingt: "Dove son’ i bei momenti?“ Eine Reminiszenz des weltlichen Komponisten an den alten, vergangenen Kirchenstil, den er damit in die Welt der Oper hinüberrettet?

An diese Sopran-Arie schliesst das finale Dona nobis pacem an, mit dem das Motiv des B-Teils im Kyrie wieder aufgegriffen und musikalisch noch einmal intensiviert wird. So wölbt sich der musikalische Brückenpfeiler einmal über die ganze Messe hin.

Durchsetzen konnte sich Mozart in Salzburg trotz dieser fraglosen Beweise seiner Genialität nicht. Nur zwei weitere Jahre hat er es in seinem Amt ausgehalten. Schon bei nächster Gelegenheit verließ er die Stadt in Richtung Wien, von wo aus er sich brieflich bei seinem Vater beschwerte, dass sich die „Veränderung des gusto so gar bis auf die kirchenMusic erstreckt hat“, so dass man „die wahre kirchenMusic“ (gemeint sind die Kompositionen des Vaters) „unter dem Dache und fast von würmern gefressen findet“. Am Ende der Salzburger Zeit stand der Legende nach ein Streit mit dem Erzbischof. Der Haushofmeister Colloredos soll den laut auflachenden Mozart mit einem Fußtritt aus dem Haus geworfen haben. Den Auftraggeber der Krönungsmesse beschimpft Mozart in Briefen entsprechend immer wieder als „Unthier“ und „Erzlimmel“, den er „bis zur Raserey“ hasse. Auch von Collorado sind entsprechende Verdikte überliefert: Mozart sei ein „liederlicher Kerl“, ein „Lausbub“. Mozart aber lacht. Und seine Krönungsmesse erklingt bis heute, nicht nur zur Osterzeit.

C.F. 2019