F. Mendelssohn Bartholdy "Lobgesang op. 52"

Das Gutenberg - Universum

Mendelssohns Zweite Symphonie

 

Beim Hören der Eingangstakte von Mendelssohns Zweiter Symphonie der Gedanke: Sind das nicht die ersten Zuckungen der Gutenbergschen Druckerpresse? Lettern, die sich erstmals zu bewegen beginnen, auf die Druckplatte gehämmerte Stöckchen? Noch sind nur Buchstaben zu erkennen, die Wörter der Schrift noch nicht zu lesen, als Programm. Später werden wir erfahren, dass dem majestätisch-kantablen Motiv des Anfangs schon ein Text eingeschrieben war. „Alles, was Odem hat, preiset den Herrn“. Was gab Anlass, einen solchen Lobgesang anzustimmen, zunächst rein instrumental, dann in Chören?

Leipzig, im Jahr 1840. Die Stadt bereitet sich auf die 400-Jahr-Feier zur Erfindung der Buchdruckerkunst vor. Der Gewandhauskapellmeister erhält einen zweifachen Kompositionsauftrag, dem er mit einem weltlichen Festgesang und mit seiner zweiten Symphonie entspricht, aufgeführt erstmals am 25. Juni in der Thomaskirche. Weiß man von dieser Entstehung, so fällt es schwer, nicht immer wieder Gutenbergs Erfindung und ihre Folgen in dieser Musik aufblitzen zu sehen. Aber Vorsicht! Bewegen wir uns nicht in der symphonischen Gattung, seit Beethoven die Königsgattung der Absoluten Musik? Verbieten sich da nicht solche malerischen Übersetzungen hinein in irgendeine Programm-Musik?

Spätestens, wenn der Chor und die Sopranistin im zweiten Satz in das Werk ihren Odem hineingeben, wird deutlich, dass wir es hier formal nicht mehr mit einer Symphonie im klassischen Sinn zu tun haben. In variierender Fortsetzung des Aufbaus von Beethovens Neunter erfindet Mendelssohns Zweite die Gattung der Symphoniekantate neu. Indem der Komponist nämlich die beiden Paradedisziplinen seines bisherigen Werks, das Orchesterstück und das geistliche Werk, miteinander vereint, strebt er eine Art romantischer Synthese an, ein Ausweg aus der Krise der Symphonie seiner Zeit. Zum Inhalt dieser Synthese ist allzu wenig und bloß Vages gesagt, beschreibt man die Entwicklung der Komposition verallgemeinernd als Triumph des Lichts über die Dunkelheit. Man darf in der Entwicklung der zehn Sätze vielmehr eine historische Linie, ein Geschichtsdenken erkennen, zu dem der Komponist sich bis in die feinsten musikalischen Strukturen hinein verhält. Von der Dunkelheit des finstren Mittelalters geht der Weg in zehn Sätzen - per aspera ad astra - zu den Sternen der durch die Buchdruckerkunst ermöglichten Reformation. Wenn alle Kreatur den Herrn loben soll, nicht nur die Lateinkenner und der Klerus, dann braucht es deutsche Volksbibeln, die nicht von Mönchen abgeschrieben und geheim gehalten, sondern in lauten Volkschören verbreitet werden. Kompositorisch entspricht dem ein an Bachs Choral geschultes, durch die protestantische Kantatenform gegangenes, mit arienhaft italianisierenden Solopartien gelockertes symphonisches Gefüge. Richard Wagner, der sich über „die blödeste Unbefangenheit“ dieser „Symphonie mit Chören“ mokierte, war genau mit dieser Geschichtsdeutung nicht einverstanden. Dem Mystiker und Anarchisten Wagner musste das Gutenberg-Universum suspekt sein. Während er zurück in die Wälder, zurück in die Finsternis, zurück zu den Sagen der Nibelungen wollte, schrieb Mendelssohn ein Bekenntnis zur Reformation, eine Symphonie für die Preußen als Kinder des aufgeklärten Gutenberg-Universums. Diesem deutschen Volk von Nicht-Germanen gilt sein Lobgesang, bis heute.

 

C. Filips 2012

 

 

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