Bewaffnete Neutralität

Arthur Honeggers Oratorium Le Roi David

Wer ist David in diesem Oratorium, wer Goliath?
Wir wollen diese gleich zu Anfang überstürzt gestellte Frage ebenso überstürzt beantworten: David, das ist die kleine Schweiz, in ihrer bewaffneten Neutralität. Goliath, das ist die große Welt, die mit sich im Krieg liegt. Dieses kleine Frage-Antwort-Spiel führt uns mitten hinein in die historische Situation, aus der die Musik des Schweizer Komponisten Arthur Honegger ihre bis heute anhaltende Spannung bezieht.

 

Machen wir es uns bewusst: Le Roi David, eines der meistgespielten Chor-Oratorien des 20. Jahrhunderts, ist 1921 als Auftragsarbeit für ein kleines Schweizer Volkstheater entstanden. Unweit der Ufer des Genfer Sees führten die Einwohner des Städtchen Mézières seit 1908 alljährlich im Sommer gemeinsam ein Stück auf. Eine Tradition, die mit dem Ausbruch des ersten Weltkriegs jäh zum Erliegen kam. Denn auch in der neutral bleibenden Schweiz waren die Männer wehrpflichtig und zum Schutz der Grenzen eingezogen. Erst drei Jahre nach Kriegsende beschloss die versammelte Bürgerschaft das Théâtre de Jorat wieder zu eröffnen. So schrieb der Theaterleiter René Morax das biblische Drama Le Roi David und machte sich auf die Suche nach einem Komponisten, der die Bühnenmusik verfassen sollte. Die Wahl fiel auf den jungen Honegger, damals wohnhaft in Paris und in den Kreis der Six eingeführt, einer Komponistengruppe, zu der u.a. auch Milhaud und Poulenc gehörten. Honegger nahm den Auftrag an und formte aus der Vorlage einen Symphonischen Psalm, der weit über die geforderte Musik fürs Theater hinausging, zugleich aber ganz auf die Bedingungen einer Volksaufführung zugeschnitten war. Das fertige Stück lässt sich hören als eine Schweizer Reaktion auf die Schrecken des ersten Weltkriegs. Es ist nicht nur seiner Entstehung nach eine Art Friedensfeier, mit der ein kriegsbedingt geschlossenes Theater von einer selbstbewussten Schweizer Bürgerschaft wieder eröffnet wurde. Auch die musikalische Faktur gibt darauf zahllose Hinweise.


Schon die ersten Takte - ein Nachhall des Kriegsgeschehens. Pauken und Harfen im Pianissimo, als ginge wieder ein Marschieren an. Oder entfernt es sich gerade? Da setzen Oboen, Klarinetten, Fagotte ein, beginnen im Lamento-Ton zu singen. Der gesamte erste Teil des Oratoriums ist durchzogen von solchen Märschen und Bläserfanfaren, im Wechsel mit Lamentationen, Totenklagen, Friedensgebeten. Dagegen steht das Ideal der Schweiz: Das Land der Hirten, die am Krieg nicht teilnehmen müssen. Das Land der Geßnerschen Idyllen. Das Land des Rousseauschen Gesellschaftsvertrags und der Unisono singenden Bürgerschaft. Das schlichte Eingangslied des jungen Davids lässt sich durchaus programmatisch verstehen. Hier singt David als Kind der Schweizer Alpen seine schlichte, kindliche, friedliche Weise. Dieser harmonische Friede aber ist bedroht von den polytonalen Klangfeldern, die sich im Orchester auftun. Den jenseits der Schweizer Grenzen tobenden Krieg meint man zu vernehmen, wenn die Hexe von Endor erscheint und die sonst straff gehaltene, in kurztaktigen Nummern gefügte Folge zum ersten Mal zu einem großen Stimmungsgemälde gedehnt wird. Auch die Liebe zwischen David und Jonathan erinnert an die Waffenbrüderschaft zweier Soldaten im Krieg. Das große Chor-Tableau des zweiten Teils ruft die opulenten Fêtes des Vignerons in Erinnerung, wie sie die Bevölkerung im benachbarten Vevey gefeiert hat und immer noch feiert. Im dritten Teil hingegen scheint die salomonische Weisheit endlich an die Stelle einer ewig wiederholten Logik des Krieges zu treten.


Ohne falsche Scheu nehmen der Librettist Morax und der Komponist Honegger Überblendungen zwischen dem biblischen Geschehen, lokalen Gegebenheiten und dem sie umgebenden Zeitgeschehen vor. Dabei gelingt ihnen ein seltenes Kunststück, das bis heute nichts von seiner Wirkung eingebüßt hat: ganz unmerklich und ohne jede Plakativität ein Chor-Oratorium über den ersten Weltkrieg verfasst zu haben. Dazu brauchte es wohl auch in künstlerischer Hinsicht jene bewaffnete Neutralität, die jenseits der Grabenkämpfe der europäischen Avantgarden zwischen den Extremen zu vermitteln verstand.

C.F. 2014

Unser Chor bei Facebook

Auf unserer Facebook-Seite finden Sie Fotos und Videos vergangener und Ankündigungen zukünftiger Konzerte!