J. Haydn "Harmoniemesse"

Das Hauptgewicht des Schaffens von Joseph Haydn lag fast sein ganzes Leben lang auf dem Gebiet der Instrumentalmusik. Doch auch die Kirchenmusik war ein bedeutsames Arbeitsfeld und durch eigene liturgische und gesangliche Praxis geprägt.

Vor allem auf seine sechs späten Messen (Pauken-, Heilig-, Nelson-, Theresien-, Schöpfungs- und Harmoniemesse) war Haydn nach eigenem Bekunden „etwas stolz“. Es gelang ihm, eine traditionelle musikalische Gattung zu verwandeln und ihr neues Gewicht zu geben. „In der Einschränkung der Arien und der Stärkung des solistischen Ensembles, in der Vereinheitlichung der Struktur und in originellen formalen Lösungen in der ausgearbeiteten orchestralen Begleitung wie im eindringlich textdeutenden Chorsatz zählen die späten Messen zu Haydns bedeutendsten Werken und sind eine geradlinige Fortsetzung seines sinfonischen Schaffens.“ (Harenberg)

Als Joseph Haydn im Jahr 1802 die Harmoniemesse komponierte war er 70 Jahre alt, fühlte sich häufig krank und müde. Im Juni schrieb er an den Fürsten Nikolaus II. von Esterházy: „In dessen bin ich an der Neuen Messe sehr mühsam fleißig, noch mehr aber forchtsam, ob ich noch einigen beyfall werde erhalten können.“ Er dürfte sich bei der Komposition also bewusst gewesen sein, dass die Harmoniemesse sein letztes großes Werk werden würde. So kann man in ihr einen würdevollen Abschied sehen, auch eine Rückschau, die in manchen Tonfällen, Strukturen, ja sogar einzelnen Themen frühere Werke zitiert und integriert. Doch das Werk ist nicht nur eine „Summa Missarum Josephi Haydn“, sondern auch ein Neuansatz. Trotz seiner angeschlagenen Gesundheit komponierte Haydn nicht nach
bewährtem Muster, sondern fand auch jetzt noch neue Wege, erprobte, experimentierte und erweiterte seine Tonsprache. Eine verdichtete Expressivität – heftige Wechsel von laut und leise, Ruhe und Bewegung, Dur und Moll – prägt den Aufbau der Komposition. Symbolische, teils drastisch prägnante Textdeutung durchdringt die musikalischen Abläufe, und der Klangfarbenreichtum der großen Bläserbesetzung wird meisterhaft eingesetzt. Dieser üppigen Bläserbesetzung, der so genannten Harmoniemusik, verdankt die von allen kirchlichen Werken Haydns am reichsten instrumentierte Messe auch ihren Titel. Vor allem aber ist es die Harmonik, die verstärkt mit Dissonanzen, chromatischen Wendungen und Modulationen in weit entfernte Tonarten arbeitet und der Messe ihre ans Romantische grenzende Färbung gibt. Dieses moderne Element ist dabei völlig verschmolzen mit der Bewahrung der barocken Züge, wie etwa der polyphonen Stimmführung: Die Schlussfugen von Gloria und Credo gehören zu den „grandiosesten Sätzen solcher Art überhaupt, sie sind die goldene Ernte der europäischen kontrapunktischen Tradition“ (Harenberg).

Beethoven bezeichnete die Messen seines Lehrers 1807 in einem Brief an den Fürsten Esterházy als „unnachahmliche Meisterstücke“, der Musikverlag Breitkopf & Härtel rühmte 1802 Haydns Messen bei der Ankündigung ihrer Publikation: „Es herrscht im Ganzen in Haydns Messen nicht die düstere Heiligkeit und gleichsam immer büßende Frömmigkeit, die wir in den Messen der großen Männer der vorigen Zeiten, besonders in Italien [gemeint ist der Palestrinastil], finden, sondern eine heitere, ausgesöhnte Andacht, eine sanftere Wehmut, und ein beglückendes sich bewusst werden der himmlischen Güter.“

Oder, in Haydns eigenen Worten: „Ich weiß es nicht anders zu machen. Wie ich’s habe, so geb’ ich’s. Wenn ich aber an Gott denke, so ist mein Herz so voll Freude, dass mir die Noten wie von der Spule laufen. Und da mir Gott ein fröhliches Herz gegeben hat, so wird er mir schon verzeihen, wenn ich ihm fröhlich diene.“

Nach einem Programmheft-Text von Falco Galli

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