J. Haydn: "Die Schöpfung"

Wie fängt man an?
Extempore zu Haydns Schöpfung

Wie fängt man an? Wie anfangen, wenn man von nichts ausgehen darf? Joseph Haydn stand 1796 mit dem Plan zu seiner Schöpfung vor der schier unlösbaren Aufgabe, dem allerersten Anfang der Welt, dem Gedanken eines göttlichen Ursprungs aus dem Chaos eine musikalische Form verleihen zu müssen. Man stelle sich die Schwierigkeit vor: Wie einen unvordenklichen Anfang gestalten? Wie den Anfang der Schöpfung selbst? Und das in einer Epoche, die noch dem aristotelischen Grundsatz verpflichtet war, Kunst sei zuallererst Mimesis, Nachahmung von Gegebenem. Die einzig denkbare Lösung: Der Komponist müsste dazu, halb demütig, halb sich zum Gott erhebend, selber als Demiurg und Nachschöpfer auftreten. Er müsste aus dem Glauben an die Möglichkeit musikalischer Autonomie heraus eine ganz eigene Tonsprache des Anfangs erfinden, die es plausibel erscheinen lässt, dass sich hier wirklich eine Schöpfung vollzieht. Und genau dieses kompositorische Wunder ist Haydn schon mit den ersten Takten seines 1798 vollendeten oratorischen Hauptwerks gelungen.

Wie fängt man an? Wie anfangen, wenn man von nichts ausgehen darf? Kein Komponist der Klassik beherrscht die Kunst des Anfangen-Könnens so gut wie Joseph Haydn. Auch mitten in streng geregelten Abläufen, Satzfolgen, Phrasenbildungen kann man bei ihm jederzeit den berüchtigten Paukenschlag befürchten, der, wenn auch nicht die musikalische Form, so doch das Hören neu beginnen lässt. Solche permanente Verunsicherung muss auch Konsequenzen für die Ausübenden haben: Musiziere so, dass du jederzeit bereit zum Neuanfang bist, zur Rückkehr in den Zustand des Anfangs. Dieser musikalische Imperativ macht diese Musik, wenn sie gut gespielt wird, so lebendig, so frisch und so unberechenbar. Natürlich hat Haydn nicht aus dem Nichts heraus, nicht das Nichts zu komponieren versucht; im Gegenteil. Der Witz seiner abrupten Wendungen und Neuanfänge entsteht ja gerade aus der Einsicht, dass es voraussetzungslose Anfänge für den Menschen schlechterdings nicht geben kann. Denn er darf immer von etwas ausgehen: von den Gegebenheiten einer konkreten Zeit, eines Raumes, von Aufträgen, Spielzügen, Formelementen. Geh aus von dem, was da ist. Und dann mach es aus der Gunst des Augenblicks heraus anders, als du es dir jemals vorher denken konntest.

Wie fängt man an? Wie anfangen, wenn man von nichts ausgehen darf? Immer wieder meint man in Haydns Musik Kants Philosophie eines permanent zu realisierenden Anfangs von Wissen und Wollen und Rousseaus Modell eines uranfänglichen Naturzustands, in den der Mensch jederzeit zurückkehren könne, in klingenden Formen realisiert zu finden. Natürlich ist auch die Schöpfung – gerade weil sie so etwas wie eine musikalische Studie über das Anfangen darstellt – im Gegenzug voller Erinnerungen und Anspielungen auf Kompositionen Händels, Rameaus und Mozarts. Ja, man könnte das gesamte Werk als eine rückblickende, auf das Bewahren ausgerichtete Studie zur Vielfalt barocker Tonmalerei wahrnehmen. Überall murmeln hier die Bäche, brüllen die Löwen, wimmeln die Fische, springen die Lämmer, oft in fast Telemann'scher Manier. Das Erstaunliche an diesem heute meistgespielten Oratorium des 18. Jahrhunderts war, ist und bleibt aber: sein Anfang. Wie es den Anfang aller Bewegungen selbst in Szene setzt und in allen Bewegungen der Schöpfung die Möglichkeit eines Neuanfangs stets präsent hält.

„ Ein ungeheurer Unisonus aller Instrumente, gleich einem licht- und formlosen Klumpen, stellt sich der Imagination dar. Aus ihm gehen einzelne Töne hervor, die neue gebären. Es entspinnen sich Formen und Figuren, ohne Faden und Ordnung, die wieder verschwinden, um in anderer Gestalt wieder zu erscheinen. Es entsteht Bewegung. Mächtige Massen reiben sich aneinander und bringen Gärung hervor, die sich hier und dort, wie von ohngefähr, in Harmonie auflöset und in neues Dunkel versinkt. Ein Schwimmen und Wallen unbekannter Kräfte, die sich nach und nach absondern und einige klare Lücken lassen, verkündigen den nahen Ordner. Es ist Nacht.“ So beschreibt Johann Friedrich Reichardt nach der ersten Berliner Aufführung 1801 die ersten Takte der Schöpfung. Noch deutlich spürt man diesem Bericht die Fassungslosigkeit des entrückten Konzertbesuchers an. Eine wahre Sensation muss die Ouvertüre für die damaligen Hörgewohnheiten gewesen sein: erstmals eine Musik ohne klare textgebundene Rhetorik und Satzstruktur. Aber lässt sich das für unsere, an ganz andere Formen der Auflösung gewohnte Ohren wirklich noch nachvollziehen? Es fällt uns heute wohl leichter, Reichardts Zeitgenossen Zelter zu folgen, der erkannte, wie sehr Haydn ein Sammler, Farbgeber und Collageur war, der auf bekanntes Material zurückgriff, dieses aber ganz neu zu ordnen verstand: „Hier sind fast alle gangbaren Instrumente als Stoff und Materialien beisammen, woraus ein fast ungeheures unübersehbares Gewebe von Herrlichkeiten der Kunst zusammengesetzt und geordnet worden ist.“
Haydns Schöpfung beginnt als ein Tableau ungeordneter, aber in ihrer Eigenheit und Herkunft zu identifizierender Elemente: Die musikalische Rhetorik eines ganzen Jahrhunderts, in ihre Einzelteile zerlegt. Die Musik hebt an, indem sie gleichsam auflistet, was später da sein wird. Ein leerer Sonatensatz, Spurenelemente musikalischer Syntax, thematische und motivische Lichtblitze, Verschleierung des tonalen Zentrums, das am Ende umso wirkungsvoller offenbart wird. „Die Vorstellung des Chaos“ heißt die Exposition. Wer das Chaos vorstellt, der stellt es nicht einfach dar. Er stellt es vor als Gegenstück, als negatives Modell, das die Vorstellung der Schöpfung als sein Gegenteil schon in sich trägt. Das Chaos wäre demnach selbst schon Teil einer Schöpfungsordnung. Die in Elemente zerlegte Musik kann von dem mitschöpfenden, produktiven Hörer selbst vollzogen, nämlich nach und nach ergänzt werden: Höre so, dass Du jederzeit bereit zum Neuanfang bist, zur Rückkehr in den Zustand des Anfangs.

Wie fängt man an? Wie anfangen, wenn man von nichts ausgehen darf? Was vorher ohne Form und leer war, gewinnt mit dem tastenden Einsatz des Bass-Solisten, der die Partie des Raphael verkörpert, langsam an Gestalt. Sobald das Medium der Sprache hinzukommt, wird der offenen Struktur der Einleitung nachträglich eine Kontur, ein Sinn, eine Bedeutung verliehen. Was wir bis dahin gehört haben, waren ungeformte Grundelemente einer Sprache, die sich erst jetzt in ihrem ganzen grammatischen Reichtum entfalten kann. Endlich, mit dem ersten Choreinsatz im Pianissimo, schwebt die erlösende Paralleltonart herein, manifest werdend mit dem Fortissimo-Akkord des gesamten Orchesters, in strahlendem C-Dur. So oft man wieder und wieder anfangen kann, eines stand für Haydn und seinen Librettisten Gottfried van Swieten fest: „Es werde Licht darf nur einmahl gesagt werden!“ Ein Knall - und es ward Licht! Von der Uraufführung berichtet ein Augenzeuge: „in dem Moment, als das Licht zum ersten Mal erschien, konnte man sagen, dass Strahlen aus den leuchtenden Augen des Komponisten schossen. Die Verzauberung der elektrisierten Wiener war so allgemein, dass das Orchester einige Minuten lang nicht weiterspielen konnte.“

„…und Gott sah das Licht, und er sah, dass es gut war“. Fast lakonisch setzt der als Historicus auftretenden Erzengel Raphael dem Erstaunen ein Ende, indem er die gelassene Perspektive des Schöpfers ins Spiel bringt, der seine gut durchdachte, wohl geplante Schöpfung betrachtet. Das große Lob des Weltenschöpfers, seiner Schöpfung und all ihrer Formen kann beginnen. Dem Ablauf der biblischen Überlieferung gemäß entstehen nun Himmel und Erde, Wasser, Land, Pflanzen, Gestirne, Menschen und Tiere. Und Haydn zieht alle Register seiner nicht genug zu bewundernden Kunst.

Wie fängt man an? Wie fängt man an, wenn alles, was einmal da war, mit einem Mal nicht mehr ist? Weggespült, verschüttet? Heute, da ich diese kleine Notiz für die Aufführung des Chores der Johanneskirche Schlachtensee im Konzerthaus Berlin schreibe, ist der 15. März 2011. Ich blicke auf die vor mir liegende Zeitung: "Die Dramatik des Augenblicks bestimmt den Blick nach Japan. Die Welt hält den Atem an, und die Betroffenheit kennt keine Parteien. Die Wucht der Wassermassen, die nukleare Gefahr, das Leid der Opfer sind Gesprächsthema am Ramschtisch im Kaufhaus ebenso wie in den palisandergetäfelten Chefetagen." Es kommt mir frivol vor, angesichts der Naturkatastrophen einen Text ausgerechnet zu Haydns Schöpfung zu verfassen. Muss, wer dieses Oratorium mit offenen Ohren hören will, nicht auch die ihm eigene Kraft der Affirmation und Weltliebe zumindest in Teilen bejahen und nachvollziehen können? Aber kann ich das heute? Da sehe ich den Titel des Artikels: "Eine neue Welt entsteht. Nach den Emotionen kommt die Rationalität, und das muss so sein." Haydn beginnt mit dem Chaos, in das Licht gebracht wird. Mit Einzelteilen, die neu gefügt, mit Affekten, die ins Licht der Vernunft gerückt werden. Wie fängt man an? Wie anfangen, wenn man von nichts ausgehen darf? Mit Haydn und seiner Schöpfung vielleicht.

C. F., 2011

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