J. A. Hasse "Miserere"

Weißer als Schnee
Hasses Miserere und Mozarts Missa in c-Moll

Sind das Tränenflüsse in Terzen? Oder weint da der Golf von Venedig, der mit seiner salzigen Wasserzunge an den Häusern und Kirchen der langsam untergehenden Stadt leckt? Zunächst scheint die göttliche Gnade, um die der Chor in den ersten zerschnittenen Rufen des Miserere bittet, nicht gewährt zu werden: verminderte Akkorde halten die Spannung offen. In Johann Adolph Hasses (1699-1783) Miserere, das 1730 für die Karwoche entstand, ist der aus anderen Vertonungen des Bittpsalms so vertraute Schmerz des Gläubigen aber nur zum Eingang präsent. Schon bald setzen weit gespannte Melismen ein, die den Sünder rein waschen. Einer solchen Reinwaschung von Schuld und Schmerz gleicht das ganze folgende Stück: „Lavabis me, super nivem dealbabor“. „Weißer als Schnee“, reiner als rein macht diese Musik die armen Sünder. Aber welche Sünder sind wohl gemeint? Und woher nahm Hasse diese Zuversicht?

Der aus Hamburg stammende Schüler Alessandro Scarlattis und Nicola Porporas hatte sich seit 1726 in Venedig als junger Opernkomponist etablieren können, zum wirklichen Durchbruch sollte es aber erst im Karneval des Jahres 1730 kommen. Für die lebensfrohe Opera Seria Artaserse, die von dem persischen Großkönig Artaxerxes handelt, verfasste der berühmte Pietro Metastasio das Libretto, die männliche Hauptrolle des Prinzen Arbace sang der Kastrat Farinelli. Das Stück machte den Komponisten binnen kurzer Frist über Italien hinaus bekannt und Hasse bekam den Beinamen „il caro sassone“ verliehen. Bei einem solch überragenden Erfolg steht es dem komponierenden Christenmenschen freilich an, einen Akt der Bescheidenheit und Demut zu üben. Die schwelgerischen Karnevals-Sünden des Ruhmes könnten es also gewesen sein, von denen Hasse sich selbst durch sein Miserere reinwaschen wollte.*
Allzu groß scheint ihm die eigene Frevelhaftigkeit aber nicht erschienen zu sein: denn das aus der Oper entwickelte Ideal des Belcanto legt er ohne viel Bekümmernis auch den Sängern des fünfzigsten Psalms in den Mund. Kein strafender Gott, keine untilgbare Schuld ist hier zu hören, nur süßester Gesang. Das Meer nimmt alle Sünden des letzten Karnevals wieder mit auf seinem Weg durch die Stadt. Es spült alle Masken hinaus und singt dabei von dem gütigen, allbarmherzigen Gott, nicht nur der Venezianer.

*Die heute aufgeführte Fassung für gemischten Chor hat Hasse vermutlich erst später in Dresden komponiert. Ihr liegt eine venezianische Version für reinen Frauenchor zugrunde.

C. F., 2007

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