A. Bruckner "Te Deum"

Anton Bruckner wuchs als ältestes von zwölf Kindern eines Dorflehrers in dem kleinen Dorf Ansfelden in Oberösterreich auf. Er glaubte „wie ein Bauer im Mittelalter“ und scheute sich auch als Professor nicht, in den Vorlesungspausen laut seine Gebete zu sprechen.

Die Wurzeln für die tiefe Religiosität Bruckners dürften seine Erfahrungen und Eindrücke in der klösterlichen Atmosphäre am Augustiner-Chorherren-Stift Sankt Florian bei Linz gewesen sein. Als Dreizehnjähriger wurde Bruckner dort als Sängerknabe aufgenommen. Er blieb diesem Ort zeitlebens verbunden und wurde auf seinen Wunsch in einem freistehenden Sarg unter der Orgel der Stiftskirche beigesetzt.

Das Werk entstand auf dem mühsam erreichten Höhepunkt seines Ruhmes, etwa gleichzeitig mit der siebten Sinfonie, 1881-84, und fand begeisterte Zustimmung. Bruckner schreibt nach der Uraufführung unter seiner Leitung am 2. Mai 1885 an Hermann Levi: „Das Te Deum wurde mit unbeschreiblichem Jubel aufgenommen.“

Dass Bruckners „Te Deum“ etwas völlig Neues war, zeigt die Äußerung von Siegfried Ochs, der 1891 mit dem Philharmonischen Chor das Werk erstmals in Berlin aufführte: „Der Hörer, der diesem Werke gegenüber die richtige Stellung einnehmen will, möge zunächst jegliche Überlieferung bezüglich der Kompositionstechnik großer Chorwerke ignorieren.“ Einer, der Bruckners Werk wohl am Treffendsten kommentierte, war Gustav Mahler, der in sein Exemplar der Partitur anstelle des Untertitels „für Chor, Solo-Stimmen…” die Worte schrieb: „für Engelszungen, Gottsucher, gequälte Herzen und im Feuer gereinigte Seelen”.

Obwohl Bruckner mit seinen Messen sehr viel größere geistliche Werke geschaffen hat und mit seinen Sinfonien und Orgelimprovisationen schon zu Lebzeiten Weltruhm erlangt hat, bezeichnete er selbst doch das „Te Deum“ als den „Stolz seines Lebens” und schrieb: „Wenn Gott mich letztendlich eines Tages zu sich ruft und mich fragt: ›Was hast du mit dem Talent, das ich dir schenkte, angefangen, mein Junge?‹, dann werde ich ihm die Partitur meines ›Te Deum‹ vorlegen und darauf hoffen, dass er mich gnädig richtet.“

Stefan Rauh

 

 

 

Musik zwischen Leben und Tod

Persönliche Glaubensbekenntnisse

Gut fünfzig Jahre später sitzt Anton Bruckner über der Komposition des Te Deum. Bruckner gilt zu diesem Zeitpunkt vor allem als der größte Orgelvirtuose und Improvisator seiner Zeit, er ist mit der Orgelmusik Johann Sebastian Bachs aufgewachsen. Als Komponist ist Bruckner schon durchaus anerkannt, aber auch bekämpft und angegriffen. Bruckner ist – neben seiner Affinität zu Wagner, die ihn in den heute kaum noch verständlichen Konflikt Brahmsianer gegen Wagnerianer hineinzieht - ein großer Bewunderer von Franz Schubert, auch wenn die beiden in ihrem Verhältnis zu Gott und zum Katholizismus kaum unterschiedlicher sein könnten. Das „Te Deum“ widmet Bruckner – wie auch seine 9. Sinfonie – „dem lieben Gott“. Eine solche Widmung wäre Schubert wohl nie in den Sinn gekommen. Bruckner sagt sogar: „Wenn mich der liebe Gott einst zu sich ruft und fragt: ‚Wo hast du die Talente, die ich dir gegeben habe?‘, dann halte ich ihm die Notenrolle mit meinem Te Deum hin, und er wird mir ein gnädiger Richter sein.“


Mit dem „Te Deum“ komponiert Bruckner nach der f-moll Messe das erste geistliche Werk für großes Orchester, Chor und Solisten. Dazwischen liegen rund fünfzehn Jahre, in denen Bruckner sieben von ihm selbst akzeptierte und gezählte Symphonien komponiert, sich musikalisch und beruflich eminent weiterentwickelt. So gelingt ihm mit dem „Te Deum“ in der für ihn relativ kurzen Form ein Meisterwerk, das in kurzer Frist vielfach aufgeführt wird, auch in den USA. Das ist der Durchbruch für Bruckner als Komponist, der über seinen Tod hinaus anhält. Gustav Mahler führt das Te Deum im frühen 20. Jahrhundert auf und sagt darüber, es sei Musik „für Engelszungen, Gottsucher, gequälte Herzen und im Feuer gereinigte Seelen.“


Wie schafft Bruckner es, Gustav Mahler, der als weltberühmter Operndirigent vor Effekten keine Angst hat, zu diesem Ausruf hinzureißen? Der Aufwand, den Bruckner betreibt, ist gewaltig: ein riesiges Orchester erfordert einen großen und stimmgewaltigen Chor (in den USA wurde das Te Deum mit 800 Sängerinnen und Sängern aufgeführt!), der sich durch vielfach choralartig homophon geführte Stimmen gut durchsetzen kann. Dazu kommen die für Bruckner typischen Dynamikwechsel. Die über weite Strecken schlichte Einfachheit des Chorsatzes kontrastiert mit der Komplexität des Orchesterklanges und dem subtilen Einsatz der Solostimmen. Insgesamt strahlt das „Te Deum“ aus: Hier ruht jemand in sich und seinem Glauben! Und das lässt er alle Welt unzweideutig wissen. Übrigens finden wir auch im Schlussteil des Te Deum ein Zitat aus einem anderen Werk: der Choral aus dem Adagio der siebten Symphonie erklingt zunächst von den Blechbläsern, später im Chor zu den Worten „non confundar in aeternum“ (In Ewigkeit werde ich nicht zuschanden) als Bekräftigung.


Exkurs: Bei der Recherche zu diesem Text haben mich einige Dinge überrascht. Zum einen das Wohlwollen, mit dem Mahler über Bruckner spricht, was so gar nicht mit dem Verdikt Adornos über Bruckner und die Lobpreisung Mahlers als Heilsbringer zusammenpasst. Bruckners Musik scheint sich als Scheidemittel gut zu bewähren, vielleicht weil sie sich dem rein rationalen Zugriff entzieht, allen Formanalysen zum Trotz. Zum anderen hat mich verblüfft, dass sich im gesamten Te Deum an keiner Stelle der berühmte Bruckner-Rhythmus findet: der Wechsel innerhalb eines Taktes zwischen Duolen und Triolen. In den Symphonien taucht dieser Rhythmus schon auf den ersten Partiturseiten auf. Neugierig geworden, habe ich die ganze f-Moll Messe durchgeforstet und bin auf denselben Befund gestoßen: vom Bruckner-Rhythmus keine Spur. Diese Beobachtung ist erklärungsbedürftig. Sicher hatte Bruckner noch Zugang zu dem Hintergrundwissen der alten Meister. Und für diese galt der 3er Takt als „Tempus Perfektum“, als Zeichen des Göttlichen und des Transzendenten. Der gerade Takt, ob nun 2er oder 4er Takt, war das Tempus Imperfektum, das zur Welt gehörte. Ähnliches lässt sich auch zu Triolen und Duolen sagen. Also legt der Befund nahe, dass Bruckner bewusst den rhythmischen Kontrast und die Triolen gemieden hat und sich mit der Musik, die einen geistlichen Text vertont, ganz in der Welt aufhalten wollte. Denn unzweifelhaft wusste er ja, wie man Triolen notiert. Und seine anderen Steigerungseffekte, die er schon in der f-Moll Messe vorsichtig einsetzt und in den Jahren danach ausführlich weiter ausbaut, wendet er im Te Deum wieder in vollem Umfang an. Da hat jemand offenbar, bei aller Glaubensgewissheit, einen großen Respekt vor dem Heiligen! Ein weiterer Hinweis in diese Richtung ist, dass er auch nicht im Entferntesten die gregorianische Melodie des Te Deum anklingen lässt, obwohl er sie als Kirchenmusiker eines Klosters sicher kannte.


Die 8. Symphonie wird Bruckner noch fertigstellen, über der Arbeit an der 9. Symphonie, die sich aufgrund seiner fortschreitenden Krankheit lange hinzieht, wird er sterben. Als Bruckner gewahr wird, dass er die 9. nicht wird beenden können, erwägt er wohl, das Te Deum anstelle des nicht geschriebenen 4. Satzes seiner 9. Symphonie einzusetzen. Glücklicherweise hat sich dieser Wunsch in der Konzertpraxis nicht durchgesetzt. Denn das Te Deum steht für sich alleine ausgesprochen gut da. Es passt weder von der Tonart noch vom Rhythmus zur 9. Symphonie, und die Assoziation zu Beethoven wäre dann doch allzu sehr mit dem Zaunpfahl hergestellt.


Das Te Deum ist ein persönliches Glaubensbekenntnis und kein Ersatz für durch den Tod unvollendet gebliebene andere Gedanken.

Christoph Schmidtpeter, Oktober 2012

Unser Chor bei Facebook

Auf unserer Facebook-Seite finden Sie Fotos und Videos vergangener und Ankündigungen zukünftiger Konzerte!