HIER IST ER NICHT!

Einige Überlegungen zu Carl Philipp Emanuel Bachs Oratorium
Die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu
Denken bahnt sich überall einen Weg. Auch durch den größten Morast. Daran, an ein solches Grundprinzip, konnten sie also noch glauben, die nicht allzu leichtgläubigen Aufklärer, die Bürger der Hansestadt Hamburg im Jahr 1774. Stolz müssen die reichen Kaufleute gewesen sein, stolz auf ihre Weltoffenheit. Der Wunderglaube, das Frömmelnde, der blinde Gehorsam, die pietistische Versenkung ins Leiden, solche Ideen schienen ihnen angestaubt und abgetan. Die wenigen, aber gewichtigen Takte des Adagio di molto, mit denen Carl Philipp Emanuel Bach sein Oratorium Die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu eröffnet, zeigen an: Viel Zeit bleibt hier für die Höllenvision nicht mehr. Der Hölle, der Passion, dem Leidensweg gilt bloß eine Gedenkminute. Da setzt schon der Chor ein, der, in einer Umkehrung der Verhältnisse, Gott zu gebieten scheint: „Du wirst seine Seele / nicht in der Hölle lassen / und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Verwesung sehe.“ Diese Minute aber, in der die Hölle noch unerlöst war, sie hatte es in sich. Unisono setzen zur Sinfonia nur die Streicher ein. Das Atmende, Luftige der später triumphal zum Himmel fahrenden Bläser- und Menschenstimmen bleibt noch ausgespart. Ganz unklar auch die Tonart dieses sich harmonisch abwärts bewegenden Anfangs, der wie einem späteren Jahrhundert abgelauscht scheint.
Kein Evangelist, keine Choräle, kein Passionsbericht. Ein Komponist, der Königen und Bürgern gleichermaßen zu dienen versteht, behauptet gleich zu Anfang, allein schon mit dieser kurzen Introduktion, seine künstlerische Autonomie. Carl Philipp Emanuel Bach musste Friedrich dem Zweiten fast drei Jahrzehnte hindurch schlecht bezahlte Dienste als unterforderter Akkompagnist leisten. Und für die Hamburger Bürgerschaft hatte er als Musikdirektor 130 Gottesdienste pro Jahr abzuleisten, Festmusiken für die Versammlungen der Bürgerkapitäne zu schreiben, Schüler zu unterrichten, Konzerte zu geben.
Bei diesem Oratorium aber liegen die Dinge anders. Keine Dienstpflicht treibt die Verläufe an, allein das empfindende, sich den biblischen Bericht aneignende, umdeutende Subjekt lenkt und leitet das Geschehen. Dazu hält auch das lyrisch betrachtende, auf dramatische Rollen verzichtende Libretto des Berliner Aufklärers Karl Wilhelm Ramler an. Die Subjektivität, das Können des Komponisten und der virtuosen Ausführenden, sie sind die bestimmenden Faktoren dieses Oratoriums, sein eigentlicher Anlass.
Nicht erstaunlich, dass Bach selber notierte, die Musik sei „zwar“ von ihm, doch könne er „ohne närrische Eigenliebe behaupten, dass sie von meinen Meisterstücken ein beträchtliches mit ist, woraus junge Componisten etwas lernen können.“ Dem jungen Mozart, der das Werk als Meisterstück bezeichnete und dreimal aufführte, hätte auch der feine Spott dieser Formel: zwar von mir, aber trotzdem gut vermutlich gefallen.
Wie verträgt sich ein solch vehementes Pochen auf künstlerische Autonomie mit dem theologischen Programm einer Auferstehungs- und Himmelfahrtsmusik?
Denken bahnt sich überall, auch durch den größten Morast, einen Weg.
Vielleicht feiern die beredten, beschwingten Triumphchöre ja gerade die Abwesenheit Gottes? Dass dieser Gott, wie die Redensart sagt, durch Abwesenheit glänzt? Denn der auferstandene, zum Himmel gefahrene Gott – ist er nicht in diesem Oratorium vor allem ein abwesender? Geht es nicht um Beweise seiner Abwesenheit? Nicht mehr unter den Menschen weilend, lässt er diese in Ruhe ihren Geschäften, ihren Künsten nachgehen. Das muss den Hamburger Kaufleuten ebenso gefallen haben wie den Künstlern. An die Stelle Gottes konnten sie ihren eigenen Geist treten lassen: „Gehet hin, tut meine Wunder“ ruft Jesus ihnen zu. Nicht Gott, die Menschen sollen nun die Wunder bewirken. Und zwar mit den Mitteln der Vernunft und der Kunst.
Ramlers Text der Tenor-Arie „Mein Geist, voll Furcht und Freuden, bebet!“ lässt entsprechend grammatisch offen, ob es hier der eigene Geist oder die Erscheinung Jesu ist, die auf den Lüften schwebt und die Nacht licht werden lässt. Ähnlich nehmen sich auch die bei Carl Philipp Emanuel Bach stets überraschenden dynamischen Akzente im Eingangschor aus. Betont, gegeneinander gesetzt, sind die Worte „Gott!“ und „Nicht!“. Der Akzent auf das „Nicht“! kommt so unverhofft, als drohe gleich wieder der Rückfall in die Hölle des Eingangs. Als negiere der Akzent auf „Nicht“ jenen anderen Akzent, der dem angerufenen „Gott“ gilt.
„Wer ist, der in den Wolken gleich dem Herren gilt, / und gleich ist unter den Kindern der Götter dem Herrn?“, so fragt die Menge im Schlusschor. Die Frage lässt sich leicht überhören, als eine rein rhetorische. Man kann sie aber auch hören. Und dann ist sie unerhört. Welche Kinder der Götter sind gemeint? Gibt es nicht nur einen Gott? Nicht nur ein Kind, den Gottessohn? Der polytheistische, heidnische Geist der Frühklassik hält hier in die oratorische Literatur Einzug.
Von den Jüngern heißt es im langen Rezitativ zu Beginn des zweiten Teils einmal: „Sie schütteln ihren Kopf um ihn“. Auch die zweifelnde Maria Magdalena und der ungläubige Thomas schütteln ihre Köpfe. Dass man ihnen mit beschwichtigenden, dem Buch Hiob entlehnten Argumenten und Triumphgeheul zu antworten weiß, das schmälert ihre grundlegenden Zweifel kaum. Diese sind unwiderruflich laut geworden. Und was ist mit den trillernden Kaskaden im nicht enden wollenden, atemreichen Schlusschor? Haben wir nicht auch hier lauter sich schüttelnde Notenköpfe vor uns?
Wenige Jahre später werden in Frankreich die Köpfe des Adels, die Köpfe der Könige rollen. Der König, dem die Triumphchöre dieses Oratoriums gelten, ist schon kein siegender Herrscher mehr. Der hier besungene Sieger ist kein Friedrich, er ist „Vater, Tröster, Menschenfreund“. Und die Tore zu seinem Himmel sollen allen offenstehen, die mitfühlen, mitsingen können. Wo Gott gen Himmel gefahren ist, da bleibt den Irdischen nur die menschliche Vernunft. So glaubten es zumindest die nicht allzu leichtgläubigen Hamburger Bürger im Jahr 1774. Ja, auch durch den größten Morast, dachten sie, findet Denken überall einen Weg.
                                                                                                                C.F.2014

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